We thank God.
Ich steh früh auf, springe kurz unter die Dusche und putze meine Zähne. Um 6:40 Uhr morgens bin ich fertig. Die Morgenluft ist noch frisch: meine Haare auf den Armen stellen sich auf zu Gänsehaut. Ich denke darüber nach, ob ich einen Pulli einpacken sollte, aber verliere den Gedanken, als Emeka mich ruft. Ebuka, sein Bruder ist schon los. Mit schnellen Bewegungen macht Emeka die Sitze sauber. Ich öffne schon einmal das Tor, lass Emeka durchfahren, um es hinter uns zu schließen. Als erster werden wir seine Schulkinder abholen.
Tamale, 2025
Wir fahren an Kindern vorbei, deren Rucksack fast größer sind als sie selbst. Die Pedale wird nur von ihren Fußspitzen berührt auf den Fahrrädern, die sie auf der asphaltierten Straße fahren. Andere Kinder sitzen zwischen ihren Geschwistern hinter ihren Eltern auf Motorrädern oder Roller. Und wieder andere laufen; die Älteren halten die Hand von den Jüngeren.



Nicht viele Yellow-Yellow-Fahrer bringen Schulkinder. Die Bezahlung ist meistens nur monatlich; die Schulzeiten schränken die Fahrer ihrer Flexibilität ein. Dazu kommt, dass es schwierig für Eltern ist, jemanden zu finden, der vertrauenswürdig und zuverlässig ist.
Emeka fährt den ganzen Morgen über hin und her. Wenn die Kinder erstmal in der Schule sind, sind es ihre Eltern, die zur Arbeit gefahren werden müssen. An der Straße, die bergab nach Fuo geht werden wir von Ebuka überholt. Es werden einige Worte ausgetauscht und laut gelacht. So langsam macht sich aber auch mein Hunger bemerkbar, es war noch keine Zeit zu frühstücken.
Vor 10 Uhr erreichen wir die Ampel bevor es in das Zentrum der Stadt geht. Eine Freundin von Ebuka verkauft dort Bofrot. Ich kaufe 10 cedis, sie gibt mir einen extra.
Bevor zur nächste Person fahren, haben wir etwas Zeit. “Mittwochs sind eher ruhigere Tage”, sagt er. Es ist nicht viel los, weshalb er sich dafür entscheidet eine Freundin zu besuchen, die er lang nicht mehr gesehen hat.



Während wir fahren, erinnere ich mich an das erste Mal, als ich in einem Yellow-Yellow saß: die Hitze der Motoren, die vollen Straßen, der Verkehr der schwer zu atmen schien. Ich erinnere mich daran, meinen Kopf nach draußen zu strecken, um den Fahrtwind in meinem Gesicht zu spüren. Eine weitere Erinnerung kommt in mir hoch, von letztem Jahr, als ich wieder einmal von Accra nach Tamale zurück gekommen bin. Es war 5 Uhr morgens, Emeka holte mich von der Busstation ab. I saß still hinten. Er blickte durch den Rückspiegel zu mir nach hinten und sagte: "Du beobachtest, oder?" Manchmal reden wir; manchmal fahren wir einfach im Stillen jeder in seinen Gedanken versunken.
Nachdem wir seine eine Freundin besucht haben, fahren wir nach Hause. Meine Augen werden schwer. Emeka öffnet das Tor und parkt sein Yellow-Yellow im Schatten der Bäume. Es ist Zeit für einen kleinen Mittagsschlaf.



Bald ist es wieder Zeit, "seine" Kinder von der Schule abzuholen. "Wir werden meine zwei Prinzessinnen zuerst abholen," sagt er, "dann werden wir meinen Sturkopf abholen, bevor wir andere Kunden zum Flughafen bringen." Emeka schreibt sich nie etwas auf, er merkt sich die Zeiten und Kundinnen im Kopf. Er gibt fast jedem einen Spitznamen, manchmal sind diese noch nicht mal an die eigentlichen Namen angelehnt, aber so vergibt er sie einfach.
Beim Nachhausebringen seiner Schulkinder, erinnert er eines der Kinder, die Wasserflasche nicht zu vergessen. Ein anderes Kind ist so müde, dass er es vor die Tür in die Hände der Mutter bringt. Dann bereiten wir uns darauf vor, die nächsten zwei Kunden zum Flughafen zu bringen. Ein Koffer kommt hinter die Sitze, der andere zwischen den beiden Passagieren. Da hinten kein Platz mehr ist, setze ich mich nach vorne neben Emeka.



Die Fahrt zum Flughafen ist lang. Die Landschaft weitet sich sobald wir die Stadt verlassen. Es ist Regenzeit und Fulani Hirten führen ihr Vieh auf die sattgrünen Wiesen. Auf der Hälfte der Strecke hören wir ein leise - pfffff. Ich schiele zu Emeka. Er stoppt kurz und gibt mir zu verstehen, dass ich auf seine andere Seite kommen soll. Wir beide wissen: ein Reifen wird nicht mehr lange durchhalten.
Am Tor zum Flughafen, reicht Emeka der Sicherheitsperson fünf Cedis, der uns darauf in durchwinkt. Die Straße ist sehr glatt anders als die holprige Straße, die zurück in die Stadt führt. Wir bringen die beiden Passagiere zu ihrem Terminal und beeilen uns zurück.
Emeka Gesicht verzieht sich zu einem Lachen und er sagt, "Zum Glück ist es der linke Reifen. Das ist der ohne Schlauch. Wenn ein Loch im Reifen ist, ist es nicht ganz so schlimm.". Wir halten an der nächsten Werkstatt, der Reifen wird repariert, sodass wir schnell weiterfahren können, um die letzte Kundin abzuholen, bevor wir selbst nach Hause fahren.
Es gibt so viele Geschichte, zu viele um sie alle hier zu teilen. Wer Lust auf mehr hat, muss wohl mit dem Yellow-Yellow von Emeka fahren.




Wie viel wissen wir über einen Fahrer?
Wir fahren mit dem Bus, mit Uber, einem Taxi, einem Tuk-Tuk, oder Yellow-Yellow… Jedes Land, jede Stadt hat einen eigenen Namen für solche Verkehrsmittel. Was gleich ist, dass immer jemand hinter dem Steuer sitzt, der/die uns dorthin bringen, wo wir es wünschen zu gehen.
Manchmal tauschen wir kaum oder gar kein Wort mit ihnen. Andere Male, können wir uns dabei erwischen, wie wir ihnen uns öffnen - von unserem Tag, unseren Problemen oder anderen Lebensgeschichten erzählen. Einige Fahrer werden wir nie wieder sehen. Und andere werden über Zeit ein Teil unseres Lebens.
Wie viel wissen wir wirklich über die Menschen, die uns fahren?
Tamale ist im Norden Ghana's die drittgrößte Stadt. Hier ist das meist genutzte Verkehrsmittel das Yellow-Yellow: ein motorisiertes Dreirad, welches es anders als sein Name in verschiedenen Farben gibt. Neuerdings gibt es sogar einige elektrische, die mich mit ihrem "Motorengeräusch" an Flughafen Shuttles erinnern.
Fünf Personen passen in ein Yellow-Yellow: Zwei vorne, drei hinten und das Gepäck passt hinter die Rücksitze oder wird auf das Dach geschnürt. Jedes Yellow-Yellow ist von seinem Fahrer/ seiner Fahrerin personalisiert innen sowie außen. Innen haben die Polsterungen unterschiedliche Farben, und es hängen Duftbäume, Glücksbringer oder andere Dekorationen am vorderen Fenster, welche im Rhythmus der Straße mit schwingen. Außen wird mit reflektierenden Streifen, oder mit gemalten Mustern verziert. Das Design macht das Gefährt einzigartig und leichter erkennbar für Passagiere und andere Fahrer. Es ist üblich, dass sich Fahrer mit Hupen grüßen oder an der Ampel oder im Überholen kurz austauschen.
Emeka. Ich kenne ihn seit fast drei Jahren. Wir sind gleich alt und auch zur selben Zeit nach Tamale gekommen. Er hat sich das Fahren selbst beigebracht, in dem er für eine Weile mit jemanden anderen mit gefahren ist und ihm auf die Finger geguckt hat. Wir wohnen im gleichen Haus. Jedem morgen, kurz nach 6:30 Uhr höre ich ihn und seinen Bruder, wie sie ihre Yellow-Yellows putzen und dann nach einander das Haus verlassen. Spät am Abend kommen beide zurück. Nach einem langen Tag, sitzen wir oft noch zusammen und reden darüber wie unser Tag war, und so beginnen die meisten Geschichten, die ich von Emeka erfahre.
Manche Geschichten sind lustig, manche traurig und manche wieder so absurd, dass es schwer ist, zu glauben, dass sie wahr sind. Eines Tages fragte ich Emeka, ob ich mal mitkommen kann.
Glossar
Yellow-Yellow
Das meist genutzte öffentliche Verkehrsmittel in Tamale, Ghana.
Bofrot
Ein rundes, leicht süßliches frittiertes Gebäck, welches ohne Füllung kommt und als beliebter Snack gilt, der an der Straße verkauft wird.
Fulani
Eine ethnische Gruppierung in West Afrika.
Fuo
Ein Bezirk in Tamale, im Norden von Ghana.

